Eine vergessene Unterschrift, die Geschichte machte – die ironische Machtübernahme Benito Mussolinis (1922).
Hintergrund und Kontext
Nach dem Ersten Weltkrieg stürzte Italien in eine Welle aus wirtschaftlichem Elend, politischer Instabilität und Straßengewalt. Sozialistische Streiks, revolutionäre Bewegungen und paramilitärische Übergriffe von „Schwarzhemden“ hatten das Land 1919–1922 an den Rand eines Bürgerkriegs getriebensv.uio.no. Der liberale Premierminister Luigi Facta versuchte, die Demokratie zu retten, doch die Liberalen verloren bei den Wahlen von 1921 ihre Mehrheit und waren von Koalitionspartnern abhängigsv.uio.no. Währenddessen baute der Journalist Benito Mussolini seine Faschistische Partei (PNF) auf und verhandelte gleichzeitig mit Industriellen, Monarchisten, Katholiken und Freimaurern, um sich als moderater Ordnungshüter zu präsentierensv.uio.no. Er plante jedoch schon seit Monaten eine Machtdemonstration, die er später als „Marsch auf Rom“ inszenierte.
Der vergessene Federstrich – der Befehl, der nie unterschrieben wurde
Am 27. Oktober 1922 trat die Regierung Facta zurück. Wenige Stunden später bat Facta den König um einen Erlass über den Ausnahmezustand (state of siege), der es der Armee erlaubt hätte, die heranrückenden Faschisten zu stoppen. Der liberale Ministerrat hatte den Erlass einstimmig gebilligt, doch König Viktor Emmanuel III. verweigerte die Unterschriftsv.uio.no. Die Ablehnung war dramatisch: In den frühen Morgenstunden des 28. Oktober warteten nur etwa 5 000 Schwarzhemden an vier Punkten vor Rom, blockiert durch Störungen der Eisenbahnlinien, und das Heer hätte sie ohne Schwierigkeiten vertreiben könnensv.uio.no. Dennoch blieb das Dekret liegen.
Zeitgenossen rätselten über die Gründe. Einige spekulierten, der König habe Bürgerkrieg oder die Absetzung durch seinen eigenen Cousin gefürchtetitalyonthisday.com, andere glaubten, er überschätzte die Stärke der Faschistenthe-bay-museum.co.uk. Der König selbst erklärte später, er habe einen Bürgerkrieg vermeiden wollen; trotzdem betrachtete er Mussolini als stärkere Figur, die „Ordnung“ schaffen könnenationalww2museum.org. Was auch immer ihn leitete: durch seinen nicht geleisteten Federstrich hob Viktor Emmanuel die verfassungsmäßige Barriere auf, die Mussolini hätte stoppen können.
Die Ironie der „Marsch auf Rom“
Die faschistische Propaganda schilderte die „Marcia su Roma“ als heroischen Volksaufstand von Zehntausenden uniformierten Männern. Moderne Forschung zeigt jedoch, dass der „Marsch“ ein bluff war: In Rom gab es an diesem regnerischen 28. Oktober keinen militärischen Zusammenstoßsv.uio.no. Die Kampfverbände erreichten die Hauptstadt erst später, als die Entscheidung bereits gefallen war. Nachdem der König Facta entlassen hatte, erbat er Mussolini nach Rom, um eine Regierung zu bildenbritannica.com.
Mussolinis persönliche „Marsch“
Während seine Anhänger im Regen standen, blieb Mussolini in Mailand. Er besuchte Theateraufführungen und fuhr durchs Land, als wäre nichts geschehenwarfarehistorynetwork.com, hielt aber ein Fluchtauto bereit, um im Falle eines Scheiterns in die Schweiz zu entkommenwarfarehistorynetwork.com. Am 28. Oktober erfuhr er, dass der König das Kriegsrecht abgelehnt hatte – er wusste, dass er gewonnen hattewarfarehistorynetwork.com. Als die königliche Regierung ihn telefonisch nach Rom rief, weigerte sich Mussolini, ans Telefon zu gehen und verlangte stattdessen einen schriftlichen Telegramm-Befehl; so wollte er sicherstellen, dass seine Machtübernahme legalisiert warwarfarehistorynetwork.com. Er lehnte sogar das Angebot des Königs ab, einen Sonderzug zu schicken, und fuhr am 29.–30. Oktober mit dem regulären Nachtzug nach Romwarfarehistorynetwork.com. Er erwog kurzzeitig einen spektakulären Ritt auf einem Pferd, fand dies aber lächerlich und entschied sich für eine schlichte Zugreisewarfarehistorynetwork.com.
Der „Empfang“ im Quirinal
Als Mussolini am 30. Oktober 1922 im Quirinalspalast erschien, war er 39 Jahre alt. Der König ernannte ihn zum Ministerpräsidenten und Innenministerwarfarehistorynetwork.com, und Mussolini wurde dadurch zum jüngsten Premierminister Italiensitalyonthisday.com. Noch am selben Abend telegrafierte er seinen ras (Führern) Italo Balbo, Emilio De Bono, Cesare Maria de Vecchi und Michele Bianchi, dass sie mit ihren Kolonnen in die Hauptstadt einziehen durften. Am 31. Oktober zogen etwa 16 000 Schwarzhemden in einer Militärparade durch Rom und wurden vom König und seinem neuen Premier jubelnd begrüßtsv.uio.no.
Menschliche Momente und unerwartete Folgen
Die persönlichen Details machen dieses Ereignis so ironisch:
- Der stoische König: Viktor Emmanuel war von Statur klein und zurückhaltend; seine Unterschrift galt als Formalie. Doch mit seiner unterlassenen Unterschrift beendete er die liberale Ära Italiens. Nach der faschistischen Machtübernahme erklärte er laut Presse, Mussolini habe „die Nation gerettet“warfarehistorynetwork.com. Seine Entscheidung trug letztlich zu seiner Entthronung bei, denn Italien setzte 1946 die Monarchie ab.
- Der skrupellose Journalist: Mussolini nutzte die politisch verfahrene Lage kaltblütig aus. In seiner Autobiografie überzeichnete er die Gefahr, schrieb von „Kugeln, die um meine Ohren pfiffen“warfarehistorynetwork.com, obwohl die Polizei in Mailand ihn nicht einmal festnehmen wollte. Er forderte schriftliche Zusicherung des Königs, um später zu behaupten, er sei „legal“ an die Macht gekommenwarfarehistorynetwork.com. Als seine Frau Rachele die Nachricht hörte, soll sie laut Anekdote ausgerufen haben: „Che carattere!“ – „Was für ein Charakter!“
- Die Fehleinschätzung der Gegner: Premierminister Facta glaubte, der König werde das Kriegsrecht unterzeichnen; er wartete in der Nacht des 27. Oktober im Quirinal, bis ihm mitgeteilt wurde, dass der König seine Meinung geändert hattewarfarehistorynetwork.com. Facta trat zurück; später sagte er resigniert, er kenne die wahren Gründe des Königs nichtbritannica.com.
- Die geringe Zahl der Faschisten: Die faschistische Propaganda sprach von Hunderttausenden. Tatsächlich standen am 28. Oktober nur rund 5 000 Bewaffnete vor Romsv.uio.no, und die Armee hätte sie leicht aufhalten können. Dennoch legte der König das Dekret beiseite. Historikerinnen wie Elisabetta Cassina Wolff betonen, dass der „Marsch“ mehr eine palastinterne Machtübergabe als eine militärische Revolution warsv.uio.no.
Konsequenzen des vergessenen Dekrets
Nach seiner Ernennung nutzte Mussolini die erste Zeit, um scheinbar verfassungsgemäß zu regieren. Doch zwischen 1925 und 1927 demontierte er nach und nach alle verfassungsmäßigen Beschränkungen und errichtete eine Diktaturcourses.lumenlearning.com. Der berühmt–berüchtigte „Führer“ (Il Duce) führte Italien in den Abessinienkrieg (1935), verbündete sich mit Hitler-Deutschland und unterstützte Franco im Spanischen Bürgerkrieg. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Italien zum Schlachtfeld, und Mussolini endete 1945, von Partisanen erschossen. Die Monarchie, die ihm zur Macht verholfen hatte, wurde 1946 in einem Referendum abgeschafft.
Bewertung und Bedeutung
Die „vergessene Unterschrift“ des Königs war eine scheinbar kleine Formalie mit enormen Folgen. Ohne das Dekret über den Ausnahmezustand konnte die Armee nicht eingreifen, und Mussolinis Gegner in Regierung und Parlament kapitulierten. Die Episode zeigt, wie Zufall, menschliche Schwächen und politische Fehleinschätzungen Geschichte machen können. Ein Akt der Untätigkeit – das Ausbleiben einer Unterschrift – ermöglichte einem Außenseiter den Griff nach der Macht und leitete die fünf Jahrzehnte währende Krise ein, die Italien durch Faschismus und Krieg führte.
Diese Geschichte bleibt eine Warnung vor der Zerbrechlichkeit demokratischer Institutionen und der Macht persönlicher Entscheidungen. Sie verdeutlicht, dass nicht nur Schlachten und Revolutionen, sondern auch Papier, Tinte und Unterschriften den Lauf der Geschichte verändern können.
