Rivalität und Zufall

Wie der Streit zwischen Pedro Álvares Cabral und Vasco da Gama zur Entdeckung Brasiliens führte.

 

Der Kontext – ein Rennen um den Seeweg nach Indien

Ende des 15. Jahrhunderts kämpfte Portugal im „Zeitalter der Entdeckungen“ um den Handel mit Asien. 1498 hatte Vasco da Gama den Seeweg nach Indien über das Kap der Guten Hoffnung gefunden und kehrte 1499 mit reicher Ladung zurück. König Manuel I. wollte da Gamas Erfolg ausnutzen und rüstete nur ein Jahr später eine zweite Indienflotte aus. Da der gefeierte Entdecker „Erschöpfung“ vorschützte, übertrug der König das Kommando einem jungen Höfling, Pedro Álvares Cabral🔗. Das sorgte am Hof für Missgunst. Hinter den Kulissen bildeten sich Fraktionen, die entweder da Gama oder Cabral unterstützten; der Konflikt ging so weit, dass König Manuel später angeblich verbot, den Streit zu erwähnen🔗. Cabral fühlte sich von Beginn an von seinem berühmten Vorgänger in den Schatten gestellt – seine Reise war ebenso der Versuch, da Gamas Ruhm zu erreichen wie die Suche nach Gewürzen.

Aufbruch und Kurs ins Unbekannte

Am 9. März 1500 stach Cabral in Lissabon mit 13 Schiffen und etwa 1 200 Mann in See, darunter der erfahrene Navigator Bartolomeu Dias🔗. Ziel war es, da Gamas Route um Afrika nach Osten zu folgen. Cabral segelte zunächst entlang der afrikanischen Küste, dann aber weit nach Südwesten hinaus, um die günstigen Passatwinde zu nutzen🔗. Diese Entscheidung war ein technischer Kniff – man wollte den Widrigkeiten des Kaps entgehen –, doch die Winde und Strömungen des Südatlantiks trieben die Flotte weiter westlich, als geplant🔗. Die „Karavelle des Zufalls“ wurde damit zum Motor einer unerwarteten Entdeckung.

Die unbeabsichtigte Entdeckung – Brasilien

Am 21. April 1500 sichtete eine Vorausgruppe einen hölzernen Berg, den sie Monte Pascoal nannte. Am folgenden Tag landete Cabral mit seinen Männern an einem tropischen Strand, heute nahe der Stadt Porto Seguro. Er war überzeugt, eine Insel gefunden zu haben; er nannte sie „Ilha da Vera Cruz“ (Insel des wahren Kreuzes) und ließ eine große Holzkreuz errichten🔗.

Der königliche Schreiber Pero Vaz de Caminha berichtete, wie die portugiesischen Seeleute eine Messe feierten und die indigenen Tupiniquim neugierig das Geschehen beobachteten🔗. Vier Tage später, an Ostersonntag dem 26. April, nahmen über 1 000 Seeleute an der ersten Messe auf dem neuen Kontinent teil, während etwa 200 Tupi staunend zusahen 🔗. Damit begann eine Begegnung zweier Welten – geprägt von Missverständnissen und gegenseitigem Staunen.

Cabral blieb nur zehn Tage. Er schickte ein Schiff nach Portugal mit der Nachricht von der Entdeckung und segelte anschließend weiter nach Osten. In seinen Schriften wird weder erkannt noch erwähnt, dass das „Eiland“ in Wahrheit ein riesiger Kontinent war. Die Entdeckung Brasiliens war ein Nebeneffekt der Suche nach Indien – sie verdankt sich der Rivalität zweier Entdecker und dem Zufall der Passatwinde🔗.

Sturm, Tragödie und der Weg nach Indien

Kaum hatte die Flotte Brasilien verlassen, schlug das Schicksal erneut zu. Vor dem Kap der Guten Hoffnung geriet die Flotte in einen schweren Sturm. Am 24. Mai 1500 rissen die Wellen vier Schiffe mit sich, darunter auch das Schiff von Bartolomeu Dias – der legendäre Seefahrer, der zwölf Jahre zuvor als erster Europäer das Kap umrundet hatte. Dias und alle Männer an Bord ertranken🔗. Trotz des Verlustes von mehr als einem Drittel seiner Flotte segelte Cabral weiter nach Indien, wo er in Calicut anlandete. Dort kam es zu blutigen Zusammenstößen mit arabischen Händlern; Cabral ließ sogar gegnerische Schiffe entern und deren Besatzungen hinrichten🔗. Die Indienexpedition brachte zwar einige Gewürze, aber auch hohe Verluste.

Rivalität und Rückkehr – Cabral verliert gegen da Gama

Als Cabral im Juli 1501 nach Portugal zurückkehrte, war der Empfang zwiespältig. Er hatte einen neuen Kontinent für Portugal beansprucht und dennoch die Hälfte seiner Flotte und viele Männer verloren. König Manuel plante zunächst eine „Revenge Fleet“ unter Cabrals Führung, um den Angriff der indischen Händler zu rächen. Doch der Streit zwischen den Anhängern Cabrals und denen Vasco da Gamas eskalierte. Einer Chronik zufolge war der König so verärgert über den Zwist, dass er jede Erwähnung mit Verbannung bedrohte🔗. Schließlich wurde Cabral seiner neuen Expedition enthoben und Vasco da Gama übernahm das Kommando🔗. Der frühere Strahlkraft-Gewinner musste sich geschlagen geben; er zog sich auf sein Landgut zurück und starb 1520, während da Gama später zum Vizekönig von Indien aufstieg.

Unvorhersehbare Folgen – vom Zufallsfund zur Handelsmacht

Der „Zufallsfund“ Brasiliens veränderte die Welt. Zunächst behielt Portugal die Entdeckung geheim, um den Rivalen Spanien und dessen Vertrag von Tordesillas nicht zu alarmieren🔗. Doch schon bald erkannte man den wirtschaftlichen Wert des Landes. Das rötliche Holz des „Pau Brasil“ lieferte einen begehrten Farbstoff für die europäische Textilindustrie, und der neue Kontinent erhielt deshalb den Namen „Brasil“🔗. Später folgten Zuckerrohr-, Kaffee- und Kautschukplantagen, die enorme Profite brachten, aber auf der gewaltsamen Vertreibung indigener Gruppen und dem Import afrikanischer Sklaven gründeten🔗. Aus einer zufälligen Landung wurde eine Jahrhunderte währende Kolonie; der atlantische Dreieckshandel entstand, und Portugal baute ein Imperium von Westafrika bis Indien auf, wie ein Historiker beschreibt🔗.

Cabral selbst konnte sich nie damit brüsten, „Brasilien entdeckt“ zu haben. Sein Name wurde von da Gamas Ruhm überschattet, und der Mann, der aus Versehen Südamerika betrat, blieb der tragische Held einer Geschichte voller Ironie: Aus Eifersucht und Navigationskunst wurde zufällig ein Kontinent entdeckt, dessen Rohstoffe und Sklavenhandel die globalen Handelsrouten für immer verändern sollten.

Fehlt etwas?

Die meisten Details zu Cabrals Entdeckung stammen aus portugiesischen Chroniken und Berichten seiner Offiziere. Einige moderne Historiker spekulieren, ob portugiesische Seefahrer schon vor 1500 heimlich die brasilianische Küste erreicht hatten🔗. Diese Hinweise bleiben jedoch unsicher; es gibt keine stichhaltigen Beweise. Auch über den exakten Umfang der Rivalität zwischen Cabral und da Gama existieren nur spärliche Quellen – die von einem „unsäglichen Streit“ sprechen🔗. Ansonsten stützen sich die hier erzählten Ereignisse auf zeitgenössische Berichte, Briefe und spätere historische Analysen.

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